Innovative Milieus in Deutschland – eine empirische Untersuchung

Das Wirtschaftsumfeld der deutschen Industrie ist geprägt von globalem Wettbewerb und steigender Wissensintensivierung bei gleichzeitig geringem Produktivitätswachstum und disruptiven Veränderungen im Zuge der Digitalisierung. Innovationen sind ein zentraler Hebel, um das abgeschwächte Produktivitätswachstum in der deutschen Industrie anzukurbeln und in weiterer Folge den gesellschaftlichen Wohlstand langfristig zu sichern. Dabei kann die Innovationstätigkeit auf Unternehmensebene vielfältige Formen annehmen. Um diese Vielfalt ganzheitlich abbilden zu können, entwickelt die vorliegende Studie das Konzept der innovativen Milieus auf Unternehmensebene. Als innovative Milieus werden dabei UnternehmensTypen bezeichnet, die in Bezug auf ihre Innovationsaktivitäten kohärente Gruppen darstellen. Für die vorliegende Studie wurde eine umfangreiche Befragung im Rahmen des IW-Zukunftspanels durchgeführt. Dabei wurden mehr als 1.000 Unternehmen aus dem Industrie-Dienstleistungsverbund zu ihren innovationsrelevanten Merkmalen („Innovationsprofil“) und ihrem Innovationserfolg befragt. Auf Basis dieser Befragung wurden sieben innovative Milieus in Deutschland identifiziert. Die Unternehmen lassen sich anhand ihres Innovationserfolgs und ihres Innovationsprofils in der nachfolgenden grafischen Darstellung verorten. Dabei misst die y-Achse den Innovationserfolg von gering bis hoch. Die x-Achse erfasst das grundlegende Innovationsprofil der Milieus.

Die innovativen Milieus im Überblick

Die Technologieführer

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Zu den Technologieführern zählen Unternehmen mit hohem Innovationserfolg, die die technologische Grenze kontinuierlich weiter nach außen verschieben und die Spitze der deutschen Innovationslandschaft bilden. Dieses Milieu hat eine starke Technologie-, Wissenschafts-, Forschungs- und Entwicklungsorientierung, die sich auch in hohen Patent-Aktivitäten widerspiegelt.

Nur rund sechs Prozent der Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen sind diesem Milieu zuzuordnen. Die (relativen) Branchenschwerpunkte liegen in den Bereichen Chemie, Pharma, Kunststoff sowie in der Metall- und Elektroindustrie (M+E). Darunter finden sich besonders viele große Unternehmen: Rund 2,1 Prozent hatten im Jahr 2017 einen Umsatz von über 50 Millionen Euro (Durchschnitt: 0,5 Prozent)

Die disruptiven Innovatoren

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Die disruptiven Innovatoren zeichnen sich erstens durch ihre Offenheit für Neues aus, die sich in hoher Risikobereitschaft und dem Mut zu radikalen Innovationsprojekten mit disruptivem Potenzial zeigt. Zweitens steht die Unternehmenskultur – insbesondere die Einbindung und Motivation der Mitarbeiter – im Fokus. Innovationen entstehen hier nicht durch einen Top-Down-Prozess in eng eingegrenzten Bereichen, vielmehr ist das ganze Unternehmen auf Innovation hin ausgerichtet, Mitarbeiter werden aktiv in den Prozess eingebunden.

Knapp ein Fünftel (19 Prozent) der Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen ist den disruptiven Innovatoren zuzuordnen. Dabei ist der Anteil junger Unternehmen besonders hoch: Knapp ein Viertel (24 Prozent) der Unternehmen wurde in den vergangenen zehn Jahren gegründet (Durchschnitt: 15 Prozent). Bei den Branchen dominieren unternehmensnahe Dienstleistungen sowie IKT/Medien. Rund 0,3 Prozent der Unternehmen hatten im Jahr 2017 einen Umsatz von über 50 Millionen Euro, verglichen mit 0,5 Prozent im Durchschnitt. Der Anteil der Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten liegt mit 3,1 Prozent im Jahr 2017 leicht über dem Durchschnitt (2,8 Prozent).

 

Die konservativen Innovatoren

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Dieses Milieu zeichnet sich, ähnlich wie die Technologieführer, durch eine starke FuE-Orientierung und ein entsprechend hohes Patentaufkommen aus. Die Organisation der Innovationsaktivitäten ist jedoch weniger strukturiert und es gibt keine ganzheitliche Ausrichtung der Unternehmenskultur auf Innovation. Auch das Motivieren und „Mit-nehmen“ der Mitarbeiter im Innovationsprozess ist in diesem Milieu weniger stark ausgeprägt und korrespondiert mit einem geringeren Innovationserfolg.

Die konservativen Innovatoren sind großteils den Branchen Chemie, Pharma und Kunststoff zuzuordnen, gefolgt von der M+E-Industrie. Insgesamt befinden sich nur rund vier Prozent der Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen in diesem Milieu. Diese Unternehmen sind überdurchschnittlich groß: Rund zwei Prozent hatten im Jahr 2017 einen Umsatz von über 50 Millionen Euro (Durchschnitt: 0,5 Prozent).

Die kooperativen Innovatoren

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Die kooperativen Innovatoren haben – ähnlich wie die disruptiven Innovatoren – eine starke Mitarbeiter-Orientierung und eine gute interne Vernetzung. Innovation entsteht hier nicht, indem FuE-Abteilungen in strikter Trennung von den übrigen Mitarbeitern neue Ideen entwickeln, sondern durch interdisziplinäre Kollaboration und das „Mitnehmen“ der gesamten Belegschaft im Innovationsprozess. Teamarbeit und Partizipation stehen dabei im Vordergrund. Innovationsaktivitäten sind zudem besser organisiert und strukturiert als bei den konservativen Innovatoren. Schwach ausgeprägt sind der Bereich FuE und die Vernetzung mit der Wissenschaft.

Rund 83 Prozent der kooperativen Innovatoren wurden vor zehn Jahren oder früher gegründet (Durchschnitt: 85 Prozent). Den Branchenschwerpunkt bilden die unternehmensnahen Dienstleistungen. Mit rund einem Viertel aller Unternehmen stellen die kooperativen Innovatoren das größte Milieu dar. Dabei haben rund 0,3 Prozent der kooperativen Innovatoren einen Umsatz von mindestens 50 Millionen Euro (Durchschnitt: 0,5 Prozent) und rund 3,8 Prozent haben 250 oder mehr Beschäftigte (Durchschnitt: 2,8 Prozent).

Die zufälligen Innovatoren

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Die Innovationsaktivitäten der zufälligen Innovatoren sind relativ unstrukturiert und es mangelt an einer klaren Innovationsstrategie und einer strukturierten Innovationsorganisation. Es gibt jedoch eine gewisse Offenheit für neue Technologien, die es den Unternehmen ermöglicht, durch Trial-and-Error Innovationen hervorzubringen – sozusagen glückliche Zufallstreffer. Zudem befinden sich die zufälligen Innovatoren in einem allgemein angespannten Wettbewerbsumfeld. Produkte und Dienstleistungen sind relativ schnell veraltet, es gibt eine überdurchschnittlich starke Bedrohung der Marktposition durch den Markteintritt neuer Konkurrenten und auch die Konkurrenz durch Anbieter aus dem Ausland ist vergleichsweise hoch.

Rund 16 Prozent der Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen sind diesem Milieu zuzuordnen. Die Branchenschwerpunkte liegen in den Bereichen Bau, Logistik und Großhandel, dabei handelt es sich vor allem um kleine und mittlere Unternehmen (KMU): Rund 99,7 Prozent der Unternehmen haben einen Umsatz von unter 50 Millionen Euro (Durchschnitt: 99,5 Prozent). Zudem sind rund 13 Prozent der Unternehmen jünger als zehn Jahre (Durchschnitt: 15 Prozent).

Die passiven Umsetzer

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Die passiven Umsetzer betreiben Innovationsaktivitäten nicht aus eigenem Antrieb, sie sind jedoch gut vernetzt mit ihren Kunden und können deren Vorschläge zur Entwicklung und Verbesserung ihrer Produkte und Dienstleistungen aufnehmen und umsetzen. Es fehlt jedoch an unternehmensinterner Innovationskompetenz und einer aktiven Innovationsstrategie mit klarer Zielsetzung. Deshalb bleiben die passiven Umsetzer auf einem niedrigen Innovationsniveau hängen.

Die passiven Umsetzer sind großteils den unternehmensnahen Dienstleistungen zuzuordnen, gefolgt von der sonstigen Industrie. Insgesamt findet sich knapp ein Fünftel (19 Prozent) der Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen in diesem Milieu. Dabei handelt es sich vor allem um KMU: Rund 99,8 Prozent der Unternehmen haben einen Umsatz von unter 50 Millionen Euro (Durchschnitt: 99,5 Prozent). Der Anteil junger Unternehmen ist mit acht Prozent eher gering (Durchschnitt: 15 Prozent).

Unternehmen ohne Innovationsfokus

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Die Unternehmen ohne Innovationsfokus weisen den geringsten Innovationserfolg unter den Milieus auf. Innovationen sind für dieses Milieu nicht wettbewerbsrelevant oder werden nicht als solche wahrgenommen. Dementsprechend fehlt es einerseits an Innovationsanreizen und andererseits an der Fähigkeit, Innovations-Impulse – wenn sie doch entstehen – umzusetzen. Somit entsteht ein Kreislauf aus Nicht-Innovieren-Wollen und NichtInnovieren-Können, der sich kontinuierlich fortsetzt.

Die Branchenschwerpunkte der Unternehmen ohne Innovationsfokus sind die Logistik und der Großhandel, wobei sich überwiegend KMU in diesem Milieu finden (99,7 Prozent der Unternehmen). Rund jedes Zehnte Unternehmen ist jünger als zehn Jahre (Durchschnitt: 15 Prozent). Betrachtet man den gesamten Industrie-DienstleistungsVerbund, sind rund elf Prozent der Unternehmen dem Milieu ohne Innovationsfokus zuzuordnen.

Unternehmen in hochinnovativen Milieus sind wirtschaftlich erfolgreicher

Die Unternehmen in den hochinnovativen Milieus weisen im Schnitt einen deutlich besseren wirtschaftlichen Erfolg auf als die Unternehmen in den innovationsfernen Milieus: Vergleicht man die Nettoumsatzrenditen, schneiden die Technologieführer und die disruptiven Innovatoren mit Abstand am besten ab: Ihre Nettoumsatzrenditen lagen im Jahr 2017 deutlich über dem Durchschnitt. Die Unternehmen ohne Innovationsfokus, die den geringsten Innovationserfolg aufweisen, hatten im Jahr 2017 auch den geringsten Markterfolg.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch beim Beschäftigungsaufbau: Die stärksten Zuwächse gab es in den hochinnovativen Milieus (Technologieführer und disruptive Innovatoren). Dabei stechen insbesondere die disruptiven Innovatoren hervor, was sich auf den hohen Anteil junger Unternehmen (Start-ups) in diesem Milieu zurückführen lässt, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Aufbau-Phase befanden. Besonders in den Milieus mit geringem Innovationserfolg (zufällige Innovatoren, passive Umsetzer, Unternehmen ohne Innovationsfokus) wurde im Beobachtungszeitraum auch vermehrt Beschäftigung abgebaut.

Unternehmen in innovativeren Milieus sind produktiver – heute und in Zukunft

Innovationen sind ein zentraler Treiber, um dem relativ geringen Produktivitätswachstum entgegenzuwirken (OECD, 2015a). Um den Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einem innovativen Milieu und der Produktivität zu untersuchen, wurde in der Unternehmensbefragung auch ein Fragenblock zur Produktivität eingebaut. Die Messung der Arbeitsproduktivität in Unternehmensbefragungen ist jedoch mit gewissen Fallstricken verbunden (s. Abschnitt 4.1). Daher wurden die Unternehmen nach einer Selbsteinschätzung ihrer Produktivität im Vergleich zur Produktivität ihrer Wettbewerber sowie nach der voraussichtlichen Entwicklung von Wertschöpfung und Beschäftigung in den kommenden fünf Jahren befragt. Dabei handelt es sich zwar um eine subjektive Einschätzung der Unternehmen, die nicht der gängigen Definition von Arbeitsproduktivität aus der Volkswirtschaftslehre entspricht. Diese Einschätzung kann angesichts der bestehenden Probleme bei der Messung der Arbeitsproduktivität aber durchaus einen Mehrwert liefern. Anhand dieser subjektiven Einschätzung lässt sich ein positiver Zusammenhang zwischen hoher Produktivität und der Zugehörigkeit zu einem hochinnovativen Milieu erkennen: Insbesondere die Technologieführer und die disruptiven Innovatoren schätzen die eigene Produktivität häufig (deutlich) höher ein als die ihrer Wettbewerber: Um die 70 Prozent der Technologieführer und der disruptiven Innovatoren bezeichnen ihr Unternehmen als deutlich oder etwas produktiver als ihre Wettbewerber (Unternehmen ohne Innovationsfokus: 35 Prozent).

Auch bei der erwarteten zukünftigen Produktivitätsentwicklung zeigt sich ein positiver Zusammenhang mit dem Innovationserfolg: Unternehmen in innovativeren Milieus erwarten in den nächsten fünf Jahren tendenziell eine dynamischere Entwicklung der Wertschöpfung (relativ zur Beschäftigung) als Unternehmen in den weniger innovativen Milieus. Insbesondere unter den disruptiven Innovatoren ist der Anteil jener Unternehmen, die eine dynamischere Entwicklung der Wertschöpfung erwarten, mit knapp zwei Fünfteln (39 Prozent) besonders hoch.

Es zeigen sich somit positive Zusammenhänge zwischen Innovationserfolg und Unternehmenserfolg auf der einen Seite sowie Innovationserfolg und Produktivität auf der anderen Seite. Dabei gibt es jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Milieus. Um eine positive und nachhaltige Produktivitätsentwicklung in der Breite der deutschen Unternehmenslandschaft zu fördern, müssen mehr Unternehmen erfolgreich innovieren. Es bedarf daher einer genauen Betrachtung der speziellen Merkmale und Bedürfnisse der Unternehmen in den unterschiedlichen Milieus, um passgenaue Handlungsempfehlungen zur Förderung von Innovation zu entwickeln.

Handlungsbedarf für Politik, regionale Akteure und Unternehmen

Die Analyse zeigt, dass die Unternehmen je nach Milieu unterschiedlichste Ausgangspositionen, Bedürfnisse und Anforderungen bezüglich ihrer Innovationsaktivitäten aufweisen. Dazu zählt insbesondere das mangelnde Bewusstsein für die Bedeutung von Innovation für den langfristigen Unternehmenserfolg. Gezielte Maßnahmen zur Förderung von Innovation, die diese Individuallagen berücksichtigen, können dementsprechend effektiver wirken und versprechen damit einen höheren Erfolg. Deshalb werden im Rahmen der Studie für jedes Milieu passgenaue Handlungsempfehlungen dargestellt und nach den Adressaten Politik, regionale Akteure (IHKs, Verbände, Wirtschaftsförderungen etc.) sowie Unternehmen differenziert.

Studie: Innovative Milieus - Die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen

Policy Brief: Innovative Milieus - Wie innovationsstark ist die deutsche Unternehmenslandschaft?

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