Brexit NRW

Wirtschaft benötigt dringend politische Entscheidungen

In NRW rechnen rund drei Viertel der Unternehmen damit, dass der anstehende Brexit die eigenen Geschäftsbeziehungen beeinflussen wird. Diese Auswirkungen müssen aber nicht nur negativ sein. So würde durch einen harten Brexit beispielsweise die UK-Wirtschaft in ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit geschwächt. Die so entstehende Angebotslücke könnte durch NRW-Unternehmen bedient werden. Um die dafür notwendigen Vorbereitungen aber treffen zu können, benötigen die NRW-Unternehmen derzeit vor allem eins: Eine klare Entscheidung der Politik, welches Brexit-Szenario umgesetzt wird.

Der Brexit in NRW – Unternehmensbefragung zeichnet differenziertes Bild der aktuellen Lage

In einer Unternehmensbefragung hat die IW Consult GmbH im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie und mit Unterstützung der IHK-Organisation in NRW untersucht, wie flächendeckend und wie stark die NRW-Wirtschaft in den unterschiedlichen Brexit Szenarien betroffen sein wird. Es zeigt sich: Vor allem im UK-Geschäft zeichnen sich spürbare negative Auswirkungen ab – vor allem, wenn es zu einem „harten“ bzw. „ungeregelten“ Brexit kommen sollte. Die Wahrscheinlichkeit dieses Worst-Case-Brexit-Szenarios taxieren die befragten Unternehmen dabei auf knapp 40 Prozent.

Indirekte Betroffenheit ein unterschätzter Risikofaktor

Ein von vielen Unternehmen oftmals unterschätzter Risikofaktor des Brexit ist in den indirekten Brexit-Auswirkungen zu sehen, die ein Unternehmen über die Brexit-Betroffenheit eines B2B-Abnehmers oder eines Vorprodukt-Lieferanten auf die Unternehmen zukommen können. So könnten wichtige Abnehmer oder Lieferanten durch den Brexit in finanzielle Schieflage geraten – und am Ende sogar vom Markt ausscheiden. Massive Probleme für die auf diesem Wege indirekt betroffenen NRW-Unternehmen wären die Folge. Die nachfolgende Abbildung zeigt, wie eng die UK-Geschäftsbeziehungen vieler Abnehmer oder Lieferanten von NRW-Unternehmen sind.

Neben Risiken auch Chancen für die NRW-Wirtschaft

Neben den vielen Risiken und Problemen eines Brexit, die viele Unternehmen wegen aufwendiger Zollformalitäten und nicht kalkulierbarer Wechselkursschwankungen befürchten, bietet der Brexit aber auch Chancen für die NRW-Wirtschaft. Die nachfolgende Abbildung zeigt eindrucksvoll, dass vor allem ein harter Brexit die UK-Wirtschaft nachhaltig schwächen würde – was der NRW-Wirtschaft einen komparativen Wettbewerbsvorteil bescheren würde. Aber auch ein besseres Fachkräfteangebot, etwa weil es gut ausgebildete polnische Handwerker nun seltener in das UK zieht, kann eine mögliche Auswirkung des Brexit in NRW sein.

Stand der Brexit-Vorbereitungen – verlässliche politische Entscheidung dringend erforderlich

Wie gut aber ist die NRW-Wirtschaft bereits heute auf den Brexit eingestellt? Von denjenigen Unternehmen, die laut eigenen Angaben vom Brexit betroffen sind oder sein werden, haben 88 Prozent bereits vorbereitende Maßnahmen ergriffen. Lediglich 12 Prozent mussten einräumen, dass – obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach vom Brexit betroffen – bislang keine Aktivitäten zur Brexit-Vorbereitung eingeleitet wurden. Die nachfolgende Abbildung zeigt, welche konkreten Maßnahmen die Unternehmen in NRW bereits ergriffen haben. Diese Einzelaktivitäten lassen sich auf einem Kontinuum von „Informieren / Analysieren“ bis hin zu „Aktion / Gestalten“ einordnen. Hier aber zeichnen die Umfrageergebnisse ein wenig optimistisch stimmendes Bild: Zwar wurden von einer Mehrheit der Unternehmen grundlegende oder auch detaillierte Informationen zu den einzelnen Brexit-Szenarien eingeholt. Den ersten Schritt in den Bereich des „Handelns“ haben viel Unternehmen – zumindest bislang – gescheut. Dies ist aus unternehmerischer Perspektive absolut plausibel: Solange alle Brexit-Szenarien fast gleichwahrscheinlich sind, lassen sich Investitionen in die Brexit-Vorbereitung in den Unternehmen kaum seriös planen. An dieser Stelle sind damit in erster Linie die UK- und EU-Politik gefordert, endlich verlässliche Rahmenbedingungen für einen geregelten Austritt des UK aus der EU zu schaffen.

Studien-Design

Grundsätzliches Ziel des vom Wirtschaftsministerium NRW geförderten Projektes „Brexit NRW“ ist die Erfassung der Betroffenheit und des Vorbereitungstandes der NRW-Wirtschaft in Bezug auf den Brexit sowie die Identifikation der Risiken und Chancen der unterschiedlichen Brexit-Szenarien. Dazu wurde nicht nur eine Online-Befragung der NRW-Wirtschaft durchgeführt, sondern es wurde ein breiter Methodenmix eingesetzt.

Neben einer Charakterisierung der NRW-Wirtschaft durch die Erarbeitung von regionalen Standortprofilen und deren Breitstellung in einem Online-Tool (Modul 1) wurden auch eine Unternehmensbefragung (Modul 2) und ein Design Thinking-Workshop mit Brexit-FachexpertInnen (Modul 3) durchgeführt. Durch die sich anschließenden Experteninterviews mit Unternehmensvertretern und institutionellen Akteuren (Modul 4) werden die im Projektverlauf gesammelten Informationen nochmals kritisch hinterfragt und mit Beispielen aus der betrieblichen Praxis angereichert. Die Studienergebnisse werden anschließend in einem Projekt-Bericht (Modul 5) aufbereitet und dokumentiert.

Zwischenbericht zu den Ergebnissen der Unternehmensbefragung zu Betroffenheit und Vorbereitungsstand sowie den Chancen und Risiken des Brexit für die NRW-Wirtschaft